Dominikanische Republik: Was kostet gute Bildung?
Die Regierung habe 4% des BIP in den Bildungssektor zu investieren um eine gute Bildung zu investieren. Heute, 15 Jahre später: Weder unter der PLD noch unter der PRD (2000-2004) wurde dieses Gesetz seitens der Regierung erfüllt. Nicht in einem einzigen Jahr! Seit über einem Jahr gibt es Protestmärsche, Lehrerstreiks und viele Diskussionen, das Volk fordert vehement die Einhaltung dieses Gesetzes! Präsident Fernandez versucht sich aus der Situation herauszureden. Keine Regierung habe je mehr in die Bildung investiert als die seinige und überhaupt: Gute Bildung ist nicht vom Geld abhängig.
Ausrede? Oberflächlich betrachtet sicherlich, denn in der Dominikanischen Republik gibt es auch eine weitere Theorie. Die öffentlichen Schulen (escuela público) sind nicht so gut wie die Privatschulen, so die allgemeine Meinung. Dass dem so nicht ist, zeigt dieser Bericht und das Ergebnis umfangreicher Vergleiche (Studie) an den dominikanischen Schulen. Privat = teuer und gut? Wer kann sich die Privatschule leisten?
Mit Hilfe der UNO hat eine Stiftung unter Leitung des ehemaligen Bildungsministers eine Untersuchung aller Schulen durchgeführt. Landesweit wurden sämtliche Prüfungsarbeiten verglichen, sowohl die der Privatschulen als auch der staatlichen Schulen. Das Ergebnis war eine Überraschung (?). Eine kleine Dorfschule, fern ab in den Bergen von Jarabacoa, hatte gesiegt. Hier schnitten die Schüler mit den besten Resultaten ab! Einfache Kinder von Bauern, aus armen Haushalten, an einer einfachen Dorfschule unterrichtet, schrieben die besten Kalssenarbeiten im Jahr 2011!
Wer nun an der Bildung im Land interessiert ist, der hinterfragt dieses Ergebnis. Was ist das Geheimnis einer kleinen Dorfschule? Sind die Kinder schlauer? Die Lehrer besser? Hat man da mehr Geld? Nichts von all dem! Heinz Nievergelt Abreu ist ein engagierter Schweizer Resident in der Dominikanischen Republik. Immer im Einsatz, für die Dorfgemeinde, als Präsident einer Stiftung setzt er sich für Kinder und gegen deren Missbrauch ein. Als Präsident der Elternschaft (APMAE) von Maimón fragte er sich aber vor allem: warum ist in seinem Bezirk in (Piedra Blanca) die schlechteste Schule und in Jarabacoa genau das Gegenteil!?! Ist Höhenluft vielleicht doch geistig fördernd, was ist der Grund warum da oben in den Bergen, in einem entlegenen Campo, die Beste Grundschule des Landes ist?
Der Sache auf der Spur
Es wurde ein Termin mit dem Bezirksdirektor Joselino Abreu in Jarabacoa abgesprochen. Er sollte uns (Juan Pablo Genao – Profesor und Präsident der ADP (Lehrervereinigung); Martin Ferreira – Präsident einer weiteren Schule (APMAE), Heinz Nievergelt-Abreu und meine Wenigkeit aufklären.
Schnell kamen die wirklichen Probleme bei der Bildung der Schüler auf den Tisch. Die Mehrheit der Eltern unterstützt die Schule leider nicht bei ihren Erziehungs- und Bildungsbemühungen. Erst wenn eine Bestrafung seitens der Schule hart ausfällt kommen sie aus ihren Häusern und Hütten hervor, aber auch da besteht noch keine Garantie das Eltern wirklich am Kind und den dortigen Geschehnissen in der Schule interessiert sind. Für viele Erziehungsberechtigte ist die Schule für alles verantwortlich.
Schule = Erziehung und Bildung zugleich, denn zu Hause passiert nichts dergleichen. Keine Aufsicht, keine Kontrolle der Schularbeiten oder Erziehung. Zu den monatlichen Elternbesprechungen erscheinen Eltern nicht. Beispiel an der schlechten Schule: bei über 700 Schülern kommen max. 85 Erziehungsberechtigte. Die Schule wird nicht ernst genommen obwohl diese das zweite Zuhause ist. Deutlich erkennbar an den ersten Schultagen nach den Ferien. Wenn es hochkommt erscheinen knapp 20% der Schüler. Das zeigt deutlich wie Eltern und Schüler zu der Einrichtung stehen. Leider gilt dies auch oft für Lehrer – doch dazu später.
Es fehlt aber auch die Unterstützung der Schuldirektion für die Elternschaft (APMAE). Schlechte Angewohnheiten die seit 20 Jahren praktiziert werden will keiner ändern. Von der Leitung der Schulen bis zu den Angestellten, alles ist politisch geregelt. Ungern will man sich da von Eltern reinreden lassen. Man blockiert lieber, statt gemeinsam und zum Wohle der Kinder zu arbeiten (so wie es in Jarabacoa aber erfolgreich praktiziert wird).
Es fehlt eindeutig an Erziehung und Disziplin. Die Lehrer / Schulen wünschen sich mehr Sanktionen gegen Schüler. Wer nicht pünktlich zum Unterricht erscheint – der steht vor verschlossener Türe! Dies gilt auch für die Lehrer! Die Schüler wollen dass die Regeln der Schulleitung für alle gelten. Nur so kann man Pünktlichkeit beibringen. Die Eltern müssen dazu beitragen dass die Kinder die Schule und den Unterricht ernst nehmen.
Womit man schon von der Strenge zum nächsten Punkt kommt, der Liebe. Innerfamiliäre Gewalt ist ein großes Problem. Gibt es Gewalt (in welcher Form auch immer) im Haus, leidet die Bildung und das Lernvermögen des Kindes. Wächst das Kind in zerrütteten Verhältnissen auf, gilt das Gleiche. Nicht mehr beide Elternteile im Haus, gar bei der Tante oder Oma statt bei den eigenen Eltern? Schon lassen schulische Leistungen stark nach.
Bezirksdirektor Abreu sieht aber auch Fehler im System. Nicht alles kann man Schülern und Kindern in die Schuhe schieben. Disziplin gilt auch für die Schulleitung. Eine Schule ist demnach nur so gut wie der Direktor. Was beim Schiff der Kapitän ist das ist der Direktor für die Schule. Gibt es freundschaftliche Bande zwischen Direktor und Lehrerschaft, so hat man schon das erste Problem. Wie will ein Direktor gegen einen Lehrer hart durchgreifen wenn zwischen ihnen eine Freundschaft besteht? Auch die Ausbildung der Lehrer ist nicht immer die Beste, das ist kein Geheimnis. Es gibt Schüler die stecken ihre Lehrer locker in die Tasche.
Der heiß geliebte Computer
Ein leidiges Thema, die Computer. Angeblich geht es ohne sie nicht. Da fragt man sich: wie hat man früher gelernt? Sämtliche dominikanische Teilnehmer dieser Gesprächsrunde lernten an einfachsten Dorfschulen, gingen viele Kilometer zur Schule um etwas zu lernen. Ohne Computer! Natürlich bietet das Internet heute eine umfassende Bildungsmöglichkeit. Doch sie hat ihre Tücken. Wie der Schuldirektor erklärte, wenn man Computer einmal kontrolliert (und welche Eltern tun das?), dann findet man in erster Linie aufgerufene Seiten die Pornographie oder Spiele anbieten. Wissen sucht der Schüler in den seltensten Fällen. Und wenn, dann ist es heute so dass man dieses Wissen einfach nur kopiert, als das seinige hervor gibt. Es wird selten selbst recherchiert, nachgedacht und etwas erarbeitet. Somit kann man unter dem Strich sagen: Computer bieten hervorragende Möglichkeiten – nur werden sie dafür nicht genutzt. Daraus folgt: früher lernte man mehr und besser – ohne Computer!
Ein weiteres Anliegen äußerte der Bezirksdirektor. Er wünschte sich die gleiche Kreativität der Schüler beim Lernen wie sie diese in anderen Bereichen (leider!) entwickeln. So ist die Phantasie groß wenn es darum geht wie man sich einen „Kick“ verschaffen kann. Nach dem Motto: „Wie bastele ich mir eine Droge?“ Da wird an Kleber geschnüffelt oder die Blüten einer Blume getrocknet und geraucht. Tabak mit Essig bearbeitet. Wir wollen hier nicht ins Detail gehen und weitere Tricks verraten, fest steht, die Schüler kennen eine Menge Wege sich „high“ zu machen.
Die große Gefahr dabei: sehr schnell entsteht nicht nur die Abhängigkeit, es werden auch sofort gesundheitliche Schäden hervorgerufen. Nicht selten sind geistig Behinderte hier das Resultat dieser Konsumgier von „selbst gebastelten Drogen“. Moral und Ethik Begriffe, die heute kaum noch bekannt sind. Sie werden weder vorgelebt noch beigebracht. Somit schwindet auch der Respekt und damit leidet einmal mehr das Verhältnis Lehrer – Schüler.
Man muss nicht bibelfest sein, aber es sollte selbstverständlich sein dass Lehrer ihre Hände bei sich behalten, nicht grabschen oder sich sonst in irgendeiner zärtlichen Form Schülern oder Schülerinnen nähern. Kommt es zu Zwischenfällen zwischen Lehrer und Schüler werden diese unter den Tisch gekehrt oder verschwiegen. Auch dies ist ein Problem, nicht nur an Schulen der Dominikanischen Republik. Rechte und Pflichten der Eltern.
Darüber wurde ein wenig schon am Anfang des Berichtes gesprochen. Eine Tatsache ist auch, dass es gar ein Reglement gibt (Ordenanza 2-2008; Que establice el reglamento de las juntas descentralizados) oder die Ordenanza No 9-2000 (QUE INSTITUYE LOS COMITÉS DE CURSOS Y ASOCIACIONES DE PADRES, MADRES, TUTORES Y AMIGOS DE LA ESCUELA, EN LOS NIVELES INICIAL, BÁSICO Y MEDIO) usw. Das Gesetz 136-03 zum Schutze des Kindes wird aber in den meisten Fällen von den „Richtern“ nicht angewendet! Wie schon erwähnt, man lässt sich seitens der Schulen oft nicht gern in die Karten schauen. Die Elternschaft hat sogar das Recht in der Schule zu kontrollieren, am Unterricht teilzunehmen oder generell zu beobachten ob alles nach Schulplan verläuft.
Wie in vielen anderen Bereichen im Land, es gibt genügend Vorschriften, Regeln und Gesetze. Nur: man kennt sie nicht, umgeht sie indem man der Elternschaft und Kindern die genauen Regeln verschweigt! In den oben genannten Regelwerken ist genau beschrieben welche Rechte zum Beispiel Elternschaften haben. Man kann auch sagen: Pflichten. Wenn man einmal zurückgeht zum Punkt der Disziplin und die Dominikanische Republik mit Kuba vergleicht, dann erkennt man die Bedeutung dieses Begriffes. In Kuba ist die Bildung (trotz Armut) sehr gut. Der Grund: Ordnung und Disziplin.
In Jarabacoa gilt an den öffentlichen Schulen ein Handyverbot für Schüler. Ein Punkt, neben vielen anderen. Heinz Nievergelt Abreu fiel beim Schulbesuch die Ruhe auf. In den Schulen in Maimón dominiert der Lärm. Gut, hier hat man über 700 Schüler, doch an der Schule wo die Besprechung stattfand gibt es auch 450 Kinder. Nur hört man sie nicht. Sie hören dem Lehrer zu statt dieser gegen eine unaufmerksame und lärmende Kinderschar anschreien muss. Und wieder: Disziplin ist die Lösung, nicht Geld.
Bei Ethik und Moral waren wir schon bei Annäherungen. Wir kamen auch näher an die Geheimnisse zwischen: beste und schlechteste Schule. Die schlechteste Schule hat nicht nur 80% der Kinder in zerrütteten Verhältnissen lebend, hier gibt es auch schwangere Mädchen im Alter von 12 Jahren, eine andere bekommt bald ihr 2tes Kind, mit 15. Wer ist daran schuld?
Aufklärung
Diese gibt es (nicht), auch von der staatlichen Seite. Man weiß wohl dass im Elternhaus weder über Drogen noch über sexuelle Prävention gesprochen wird. Würden die Eltern nun die Rechte kennen, könnte man die Schule forcieren doch einmal die Beratungsteams anzufordern! Es gibt eine sehr gute Drogen-Beratung von der dominikanischen Polizei. Pro Familia bietet sexuelle Aufklärung an. Nur wenn keiner fragt – dann passiert auch nichts. Somit gibt es staatliche Aufklärung – und es gibt sie nicht.
Ortsbesichtigung
Der Weg zur Schule in Cabirma zieht sich endlos. Eine befestigte Straße gibt es nicht. Schotter oder Lehm, vor allem aber Löcher gibt es auf dem Weg. Für die 14 km von Jarabacoa braucht man eine halbe Stunde. Dann kommt man zum Schulgebäude. Wie schon gesagt, eine staatliche Schule. Ein wenig gesponsert wird sie von der Kaffeefirma Ramirez. 3 Hörsäle, etwas mehr als 100 Schüler/innen. Ein Volleyballfeld dient in den Pausen zur Entspannung und Bewegung.
Beeindruckend die Disziplin! Beim Betreten der Schulklasse stehen alle Kinder auf, zeigen Respekt. Die Direktorin wie der Dorflehrer bestätigen: bei Elternsprechtagen kommen ALLE Eltern, mindestens 1 Person. Sind die Eltern verhindert, dann kommt ein Vertreter (Onkel oder Oma). Die Eltern sind interessiert an einer guten Ausbildung. 50% der Kinder leben bei ihren leiblichen Eltern unter einem Dach. Arbeitslosigkeit bei den Eltern? Sie arbeiten alle in der Landwirtschaft. Man verdient nicht viel – man sieht also: Bildung und gute Resultate hängen nicht von Geld ab!
Man kümmert sich um die Kinder, Eltern wie Lehrer. Der Lehrer ist, das kommt nun noch positiv hinzu, jemand der sich zu seinem Beruf auch „berufen“ fühlt. Er zieht nicht ein Lehrprogramm durch, nach dem Motto: friss oder stirb. Er bot den Eltern und Kindern an jeden Unterrichtsblock um 30 Minuten zu verlängern. Die größte Zeitung des Landes (Listin Diario) machte hier einen entscheidenden Fehler. Ohne zu hinterfragen und zu recherchieren kam man zum Schluss: die guten Ergebnisse gab es an dieser Schule weil der Lehrer länger unterrichtet! Falsch. Wir erfuhren dass diese 30 Minuten nicht als weitere Unterrichtszeit genutzt werden. Es ist eine Zeit der Kontrolle von Hausaufgaben, Nacharbeiten. Gab es bei Tests schlechte Ergebnisse, dann wurden die Fehler besprochen, der Stoff nochmals wiederholt um die Gewissheit zu haben dass es am Ende alle begriffen haben und man mit dem Unterrichtsstoff fortfahren kann. 
Es war eine interessante Erfahrung, dieser Schulbesuch und das Gespräch mit dem Bezirksdirektor. Man bekam einmal den Einblick in die wirkliche Problematik die an Schulen herrscht. Und wenn man die erkennt und entsprechend reagiert, dann gibt es gute Schüler – ohne großen Einsatz von Finanzmitteln. Fast möchte man alle Demonstranten mal aufrufen und fragen: WAS TUT IHR DENN FÜR DIE BILDUNG EURER KINDER?
Das typisch dominikanische Phänomen: bei Missständen folgt immer der Ruf nach der Regierung! Ob schlechte Straßen, schlechte Strom- und Wasserversorgung, oder eben bei der Bildung! Die Regierung muss es richten. Was tut der Bürger? Er will weder Steuern zahlen (und so dazu beitragen dass man Straßen bauen kann), noch will er für seinen Strom- und Wasserverbrauch zahlen. Geschweige dass Eltern sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern und ihnen Disziplin, Ethik und Moral nahe bringen. In Zusammenarbeit mit der Schule.
Fotos, von oben nach unten: 1) Clace, das Schulranking 2011 2) Dorfschule Cabirma 3) Beispielfoto, Drogen sind auch bei Kindern beliebt 4) Camposchule-aber die BESTE IM LAND! 5) Der Lehrer (Mitte) und staunende Präsidenten der ADP und APMAE, Sr. Genao und Sr. Nievergelt-Abreu
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