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Der KI-Realitätscheck: Zwischen Milliardeninvestitionen, Jobängsten und echtem Nutzen

VonOliver Hummel

Feb. 23, 2026

Wenn der erste Hype verfliegt

Die großen Tech-Giganten wie Meta und Microsoft buttern derzeit Unsummen in künstliche Intelligenz. Aber geht diese Zauberformel am Ende wirklich für alle auf? Ein Blick in die Geschichte fällt hier oft ein geradezu widersprüchliches Urteil. Im 19. Jahrhundert gingen in mehreren Wellen hunderte Eisenbahnunternehmen pleite. Paradoxerweise legten genau diese Firmen damit das Fundament für einen gigantischen Wirtschaftsboom, von dem letztlich ganz andere profitierten – vor allem Industriefirmen und Logistiker. Ähnlich lief es zur Jahrtausendwende beim massiven Ausbau der Glasfasernetze. Manche Firmen überhoben sich an den gigantischen Kosten, andere machten danach das große Geschäft. Ohne diese extrem teure Infrastruktur gäbe es heute weder flüssige Netflix-Streams noch komplexe Online-Games. Wer also die Infrastruktur und die Werte schafft, streicht nicht zwangsläufig auch die Gewinne ein.

Ein praller Tech-Kalender und neue Spielregeln für Anleger

Genau diese Dynamik rückt jetzt wieder massiv in den Fokus der Märkte. Ende Februar ist der Terminkalender der Branche ohnehin prall gefüllt. Die Finanzwelt blickt gebannt auf die anstehenden Quartalszahlen von Nvidia und die Frage, wie viel Umsatz Konzernchef Jensen Huang diesmal aus dem KI-Boom schlagen konnte. Nahezu zeitgleich präsentiert Samsung in San Francisco kurz vor dem Mobile World Congress seine neuesten Galaxy-Smartphones.

Doch hinter den glänzenden Kulissen wächst bei Investoren die Vorsicht. Dass die großen Techkonzerne auf Dauer unaufhaltsame Kursraketen bleiben, ist keineswegs in Stein gemeißelt. Ein Index der sieben wichtigsten US-Techfirmen stieg in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um 40 Prozent pro Jahr. Diese astronomischen Renditen einfach blind in die Zukunft fortzuschreiben, wäre schlichtweg fahrlässig. Für Anleger ändert sich gerade das Spielfeld. Es reicht nicht mehr aus, sich nur von rosigen Wachstumsprognosen oder schicken Livestreams blenden zu lassen. Heute müssen wieder Bilanzen gewälzt werden. Nettoschulden und Cashflows genau zu beobachten, ist mittlerweile Pflicht, um den wahren Ertrag der aktuellen Milliardeninvestments bewerten zu können.

Experten wie Frank Rothauge von AHP Capital vermuten, dass letztlich die Anwender der KI die Nase vorn haben könnten. Wer als Unternehmen über exklusive Medizin- oder Kundendaten verfügt, kann diese dank KI viel effizienter nutzen, ohne jemals selbst ein teures Rechenzentrum bauen zu müssen. Wer auf breite Weltindizes wie den MSCI All Country World setzt, in denen die Tech-Riesen ohnehin schwergewichtig vertreten sind, hat diese künftigen Profiteure bei einem Marktumbruch praktischerweise automatisch im Depot.

Die Kehrseite der Medaille: „AI Washing“ auf dem Arbeitsmarkt

Dass der Wind in der Tech-Branche rauer weht, zeigt sich nirgends deutlicher als auf dem Arbeitsmarkt. OpenAI-Chef Sam Altman warnt in diesem Zusammenhang vor einem Phänomen, das er „AI Washing“ nennt. Dabei schieben Unternehmen die künstliche Intelligenz schlicht als bequemen Vorwand für ohnehin geplante Entlassungen vor. Zwar ergab eine aktuelle Umfrage des National Bureau of Economic Research unter Tausenden Führungskräften, dass KI in den letzten drei Jahren für fast 90 Prozent der Firmen noch gar keine echten Auswirkungen auf die Beschäftigung hatte.

Dennoch planen CEOs wie Sebastian Siemiatkowski von Klarna bereits einen massiven Stellenabbau, den sie explizit mit Fortschritten bei der Automatisierung begründen. Altman macht sich hier keine Illusionen. Er geht fest davon aus, dass KI in den kommenden Jahren spürbar Jobs verdrängen wird, auch wenn gleichzeitig völlig neue Berufsfelder entstehen.

Führungsbeben bei Microsofts Xbox-Sparte

Ein ziemlich prominentes Beispiel für solche radikalen Umbrüche liefert derzeit Microsofts 23 Milliarden Dollar schwere Gaming-Sparte. Nach ganzen zwölf Jahren an der Spitze räumt CEO Phil Spencer seinen Posten. Sein Abgang markiert einen klaren Strategiewechsel. Das Hardware-Geschäft rund um die Xbox schwächelt schon länger angesichts der extrem starken Konkurrenz durch die Sony PlayStation und die Nintendo Switch. Auch der starke Fokus auf den PC-Gaming-Markt und die 75 Milliarden Dollar teure Übernahme von Activision Blizzard brachten zuletzt erhebliche Herausforderungen mit sich. Die Konsequenzen waren hart. Seit Anfang 2024 mussten in der Gaming-Abteilung laut Branchenberichten bereits über 2.500 Mitarbeiter gehen. Auch Sarah Bond, die Präsidentin von Xbox und eigentliche Kronprinzessin für Spencers Nachfolge, verlässt den Konzern.

Nun soll Asha Sharma das Ruder herumreißen. Sie ist eine ausgewiesene KI-Expertin mit Vergangenheit bei Instacart und Meta. Dass ausgerechnet jemand ohne jegliche handfeste Erfahrung in der Spielebranche diesen wichtigen Chefposten übernimmt, sorgte sofort für reichlich Unbehagen. Im Netz kursierten rasch böse Zungen, die behaupteten, Microsoft wolle nun auf Biegen und Brechen KI in jedes noch so kleine Detail der Xbox pressen. Sharma versuchte, diese Sorgen in einer internen E-Mail direkt im Keim zu ersticken. Man wolle sich wieder voll auf die Konsolen-Wurzeln der Xbox besinnen, versprach sie der Belegschaft. Man werde das Ökosystem der Spieler definitiv nicht mit „seelenlosem KI-Müll“ fluten, nur um kurzfristige Effizienzziele zu erreichen.

Pragmatismus statt Hype: KI in der Cybersicherheit

Dass künstliche Intelligenz aber durchaus extrem sinnvolle, handfeste Probleme lösen kann, beweist abseits der Gaming-Welt gerade das Unternehmen Anthropic. Mit „Claude Code Security“ wurde dort ein neues Werkzeug vorgestellt, das voll auf den Bereich Cybersicherheit ausgerichtet ist. Anstatt einfach nur blind irgendwelche Aufgaben zu automatisieren, spürt die KI hier gezielt Schwachstellen im Code auf, die menschlichen Prüfern im stressigen Alltag oft durchrutschen.

Für Sicherheitsteams, die ohnehin permanent in Softwarefehlern ertrinken, ist das eine enorme Entlastung. Denn genau solche ungepatchten Lücken sind am Ende meist die Hauptursache für verheerende Datenlecks, teure Systemausfälle und massiven Ärger mit den Aufsichtsbehörden. Es sind genau solche unaufgeregten, aber hochgradig pragmatischen Anwendungen, die ziemlich deutlich zeigen, wohin die Reise der KI-Branche abseits der schillernden Schlagzeilen wirklich geht.